ADHS

Krankheitsbild

Die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) ist eine bereits im Kindesalter beginnende psychische Störung, die sich durch Beeinträchtigungen in den Bereichen Aufmerksamkeit, Hyperaktivität sowie bei zwei der drei Typen durch ausgeprägte körperliche Unruhe (Hyperaktivität) äußert. Dem Diagnostischen und Statistischen Manual Psychischer Störungen (DSM-V) zufolge tritt die Störungen in verschiedenen Untergruppen auf:

  • vorwiegend hyperaktiv-impulsiv: „Zappelphilipp“
  • vorwiegend aufmerksamkeitsgestört: „Träumsuse“
  • Misch-Typ: aufmerksamkeitsgestört und hyperaktiv

In enger Beziehung zu ADHS steht die diagnostische Einordnung für hoch impulsive und emotional dysregulierte Kinder, die stark schwankenden Symptome schwerer Wutausbrüche und depressiver Stimmungen aufweisen (SMD – Severe Mood Dysregulation, in Deutschland auch als affektive Dysregulation oder „ADHS plus“ bezeichnet).

Von ADHS wird nur dann gesprochen, wenn die Symptome nicht dem Alter und Entwicklungstandes des Kindes entsprechen und zu deutlichen Beeinträchtigungen in verschiedenen sozialen Bezugssystemen (Familie, Schule, Freundeskreis) führen. Die Verhaltensauffälligkeiten treten in der Regel früh in der Entwicklung auf, gewöhnlich in den ersten fünf Lebensjahren und sind in mehreren Lebensbereichen (z.B. Familie und Kindergarten) gleichzeitig zu beobachten. Typischerweise treten die Symptome stärker in solchen Situationen auf, in denen von den Kindern oder Jugendlichen eine längere Aufmerksamkeitsspanne erwartet wird, bspw. im Unterricht, bei den Hausaufgaben oder den Mahlzeiten.

Aufgrund der ADHS-Symptome kommt es bei vielen Betroffenen zu Problemen in wichtigen Lebensbereichen wie Familie und Schule und im Umgang mit Gleichaltrigen. Die Konfliktbereitschaft des Kindes, sein impulsives Auftreten und seine mangelnde Anpassungsfähigkeit belasten sein Verhältnis zu anderen Kindern und ziehen Konflikte im zwischenmenschlichen Bereich nach sich. Neben den leistungsbeeinträchtigenden Auswirkungen der ADHS in der Schule ist in der Regel das Zusammenleben in der Familie betroffen. Die Ablehnung der Mitmenschen kann zu psychischen Folgen in Form von mangelndem Selbstwertgefühl, sozialem Rückzug, Depressionen, Drogenproblemen bis hin zu erhöhter Selbstmordgefahr führen. Darüber hinaus weisen ADHS-Patienten eine erhöhte Unfallgefahr auf, weil sie aufgrund ihrer gestörten Informationsverarbeitung Handlungen nicht planen und Gefahren nicht richtig einschätzen können.

Prävalenz

ADHS ist derzeit die häufigste psychiatrische Erkrankung des Kindes- und Jugendalters. Obwohl die Zunahme der Häufigkeitsraten in den letzten Jahrzehnten mit der Definierung und Anerkennung der Symptomatik als Erkrankung verbunden ist, ist ADHS weder eine neue Erkrankung (sie wird anekdotisch bereits im Struwelpeter beschrieben) noch ist sie auf modere Industrienationen beschränkt (sie kommt weltweit vor).

In der KiGGS-Welle 1 von 2009-2012 gaben 5 Prozent der Eltern an, dass ihr Kind jemals eine ADHS-Diagnose durch einen Arzt oder Psychologen erhalten habe. Bei Jungen wurde die Erkrankung viereinhalbmal häufiger als bei Mädchen diagnostiziert; des Weiteren ist die ADHS –Häufigkeit schichtspezifisch in der Bevölkerung verteilt. Mit steigendem Alter nimmt die Diagnoseprävalenz zu und erreicht in der Altersspanne von 11 bis 17 Jahren ihren Höhepunkt. Die Befunde aus der Welle 1 entsprechen weitgehend den Befunden der Basiserhebung von 2003-2006, d.h. es ist kein nennenswerter Anstieg zwischen den beiden Erhebungszeiträumen zu beobachten.

ADHS: : Verbreitung bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland

Lebenszeitprävalenz in % bei 3-17jährigen 2009-2012 (KiGGS-Welle 1)

ADHS-Diagnose* ADHS-Verdachtsfall
Gesamt 5,0 5,8
Geschlecht
Jungen 8,0 7,6
Mädchen 1,7 4,0
Alter
3 bis 6 Jahre 1,4 7,3
7 bis 10 Jahre 5,1 7,1
11 bis 13 Jahre 6,7 5,8
14 bis 17 Jahre 6,7 3,2

* ärztliche Diagnose laut Elternbericht

Quelle: Schlack, R. u.a. (2014): Hat die Häufigkeit elternberichteter Diagnosen einer Aufmerksamkeits-/ Hyperaktivitätsstörung (ADHS) in Deutschland zwischen 2003-2006 und 2009-2012 zugenommen? In: Bundesgesundheitsblatt 57: 820-829. http://edoc.rki.de/oa/articles/rePL8nUY8YWJU/PDF/25Am4rYnuaKQ.pdf

ADHS beginnt im Kindesalter, aber häufig bestehen die Leitsymptome bis ins Erwachsenenalter fort. Gerade im Erwachsenenalter ist ADHS ein Risikofaktor für eine große Anzahl begleitender psychischer Störungen, deren Behandlung sich als schwierig gestaltet, wenn die zugrunde liegende ADHS nicht erkannt und ebenfalls behandelt wird.

Ursachen

Bislang gibt es kein stimmiges und zugleich vollständiges Modell zur Genese von ADHS. ADHS ist nach derzeitigem Wissensstand ein multifaktoriell bedingtes Störungsbild mit einer erblichen Disposition, die die Ausbildung der Krankheit begünstigt. Für den Verlauf und die individuelle Ausprägung spielen außerdem psychosoziale Faktoren und Umweltbedingungen eine wichtige Rolle. Das Zusammenspiel dieser Faktoren ist bislang nur unzureichend verstanden.

Der ADHS liegt eine fehlerhafte Informationsverarbeitung zwischen bestimmten Hirnabschnitten zugrunde, welche für die Konzentration, Wahrnehmung und Impulskontrolle zuständig sind. Diese Störung ist durch ein Ungleichgewicht der Botenstoffe (Neurotransmitter) in diesen Hirnbereichen – vor allem von Dopamin und Noradrenalin – bedingt, die eine wichtige Rolle bei der Signalübertragung zwischen den Nervenzellen spielen. Man geht u.a. davon aus, dass bei ADHS-Patienten Dopamin im so genannten synaptischen Spalt nicht in ausreichender Menge zur Verfügung steht. Die Unterversorgung mit diesem Botenstoff führt zu einer gestörten Informationsweiterleitung zwischen den Nervenzellen, weshalb Reize nur schlecht und unzureichend gefiltert werden. Die mangelnde Hemmung von Impulsen erschwert das dauerhafte Aufrechterhalten von Aufmerksamkeit, den Aufbau von Motivation, den Ausgleich von Affekten und den Zugriff auf vorhandene Fähigkeiten. Dies führt zu Aufmerksamkeitsschwäche, Impulsivität, Hyperaktivität.

Genetische Veranlagungen begünstigen diese neurobiologischen Störung, denn  10 bis 15 Prozent der nächsten Familienangehörigen von Kindern mit ADHS sind ebenfalls betroffen. Zwillingsstudien zeigen, dass gut 80 Prozent der Eineiigen und knapp 30 Prozent der Zweieiigen die gleiche Symptomatik aufweisen. Mehrere veränderte Gene (polygener Erbgang), die alleine kaum Störungen bewirken, sind im Zusammenspiel ursächlich für die fehlerhafte Informationsübertragung im Gehirn. Das würde auch das breite Spektrum möglicher Begleitstörungen (Komorbidität) wie Lerndefizite oder emotionale Störungen erklären sowie das unterschiedliche Ansprechen auf die Medikation.

Durch äußere Gegebenheiten können die Symptome der Aufmerksamkeitsstörung/Hyperaktivität verstärkt werden, z. B. durch beengte Wohnverhältnisse, ungünstiges Erziehungsverhalten (zu geringe Zuwendung, Inkonsequenz, fehlende Regeln, hohe Eigenbelastung der Eltern durch Krankheit, Arbeitslosigkeit, gestörte Familienstruktur), hektische Umwelt (Lärm, fehlende oder nicht durchschaubare Strukturen), geringe Bewegungsmöglichkeiten, Zeitdruck. Frühgeburtlichkeit, Alkohol und andere Drogen in der Schwangerschaft sowie schwere cerebrale Erkrankungen können in seltenen Fällen zu einem ähnlichen Erscheinungsbild führen.

Diagnostik

Eine sorgfältige Diagnose der ADHS ist Grundvoraussetzung für Therapiemaßnahmen und muss von spezialisierten Kinder- und Jugendärzten oder Kinder- und Jugendpsychiatern vorgenommen werden. Die Diagnostik orientiert sich nach internationaler Übereinkunft an den Kriterien der beiden Systeme ICD-10 und DSM-V (in Deutschland wird in der klinischen Praxis überwiegend nach DSM-V diagnostiziert, jedoch sind die Diagnosen immer im ICD-Schema[zu kodieren). Sie schließt verschiedene In­formationsquellen (Kind, Jugendlicher, Eltern, Verwandte, Erzieher, Lehrer, Peer-Group) ein.

Bei der Diagnose steht zunächst die Erfassung der Leitsymptome (Aufmerk­samkeitsstörung, Hyperaktivität und Im­pulsivität) im Vordergrund. Die subjektive Beur­teilung durch die Umwelt (Erzieher/Leh­rer), die Eltern und möglicherweise die Großeltern und weitere Verwandter so­wie durch die Kinder und Jugendlichen selbst wird durch Verhal­tensbeobachtungs- und Verhaltensbeur­teilungsskalen als auch im persönlichen Gespräch erfasst. Daneben ist die objek­tive Erfassung von Verhalten, Empfinden und kognitiven Fähigkeiten mittels psy­chometrischer Verfahren notwendig. Er­gänzt wird die Diagnostik durch die per­sönliche Exploration und Anamnese, die die Eigen- und Fremdanamnese umfasst.

Die Differenzialdiagnostik umfasst den Ausschluss von Erkrankungen mit ähnlicher Symptomatik sowie die Feststellung eventueller begleitender Störungen (z. B. Teilleistungsstörungen, Tics, Asperger Syndrom, Zwangsstörungen, Depressionen). Dabei ist es wichtig, begleitende Probleme wie Störungen im Sozialverhalten, Lernschwierigkeiten, depressive Verstimmungen, Angst etc. zu erkennen, um sie gegebenenfalls gesondert behandeln zu können.

Quellen und weiterführende Informationen