Adipositas

Krankheitsbild

Adipositas (auch Fettleibigkeit oder Obesitas) ist eine Ernährungs- und Stoffwechselkrankheit mit starkem Übergewicht, die durch eine über das normale Maß hinausgehende Vermehrung des Körperfettes mit krankhaften Auswirkungen gekennzeichnet ist. Adipositas liegt vor, wenn der Körperfettanteil an der Gesamtkörpermasse in Relation zu Alter und Geschlecht pathologisch erhöht ist. Dies wird über den Leitwert BMI bestimmt, ein weiterer Indikator ist die Fettverteilung (s. Diagnostik).

Adipositas ist bereits im Kindes- und Jugendalter ein Schlüsselfaktor für die Entwicklung vieler chronischer Erkrankungen, die das Risiko eines vorzeitigen Todes steigern und gravierende Auswirkungen auf die Lebensqualität haben. Viele dieser Folgeerkrankungen verlaufen in der Kindheit und Jugend meist symptomarm, bestimmen aber maßgeblich die Mortalität im Erwachsenenalter. Hierzu zählen Fettstoffwechselstörungen, Bluthochdruck, Zuckerstoffwechselstörungen (z. B. Diabetes mellitus Typ 2) und chronische Entzündungen. Andere Folgeerkrankungen treten bereits im Kindes- und Jugendalter (vgl. Textbox). Im Vergleich zu normalgewichtigen Kontrollkollektiven treten auch auffällige psychische und verhaltensassoziierte Komorbiditäten aus, wobei aber die Differenzierung zwischen Ursachen und Folgen schwierig ist. Hierzu zählen Depressionen, Angststörungen, Somatisierungsstörungen und Essstörungen wie Bulimie und binge eating disorder sowie ausgeprägte Minderwertigkeitskomplexe und ein mangelndes Selbstwertgefühl.

Prävalenz

Die Prävalenz von Adipositas im Kindes- und Jugendalter steigt stetig an. Vor allem in den westlichen Industrienationen (aber ebenso in Transformationsgesellschaften) entwickelt sich Adipositas somit zu einem vordringlichen Public-Health-Problem und zu einer zentralen Herausforderung für Prävention und Versorgung.

In der Basiserhebung der KiGGS-Studie 2003-2006 wurden rund 15 Prozent der Kinder und Jugendlichen als übergewichtig eingestuft, davon wiederum ein Drittel als adipös. Gegenüber den 1980er- und 1990er-Jahren hat der Anteil übergewichtiger Kinder um rund 50 Prozent zugenommen. Dabei ist die Prävalenz von Übergewicht und Adipositas stark schichtspezifisch verteilt: Jungen und Mädchen aus den unteren sozialen Schichten sind dreimal so häufig adipös wie Kinder und Jugendliche mit hohem sozialen Status.

Ursachen

Die Ursache einer Adipositas ist (bei Ausschluss von hormonell oder genetisch bedingten Primärerkrankungen, die ca. 1 Prozent aller Diagnosen ausmachen) meistens eine positive Energiebilanz. Über einen längeren Zeitraum werden mehr Kalorien aufgenommen als verbraucht; die überschüssige Nahrungsenergie wird in Fettdepots abgelegt. Die Ätiologie der Adipositas resultiert demnach aus einem auf den ersten Blick simplen Ungleichgewicht zwischen Energiezufuhr und -verbrauch. Die Ursachen für dieses Ungleichgewicht wiederum sind komplexer Natur und betreffen Verhaltensweisen und Verhältnisse in modernen Gesellschaften. Auch deshalb ist Adipositas als typische Zivilisationserkrankung einzustufen.

So werden Verhaltensweisen rund um die Nahrungsaufnahme – beispielsweise der Stellenwert des Essens in der Familie oder die Zusammensetzung des Speiseplans – durch Sozialisationsprozesse internalisiert und von den Eltern an die Kinder weitergegeben. Dementsprechend wird eine Häufung Übergewichtiger innerhalb der Familie beobachtet. Dabei üben bereits die Ernährung während der Schwangerschaft und des ersten Lebensjahres einen Einfluss auf den kindlichen Stoffwechsel aus (metabolische Programmierung): Eine Überversorgung des (ungeborenen) Kindes mit Zucker und Energie in der Schwangerschaft (z.B. beim Schwangerschaftsdiabetes) und im Säuglingsalter führt zu einer starken Gewichtszunahme im Mutterleib sowie im ersten Lebensjahr und erhöht langfristig das Risiko für das Auftreten von Übergewicht. Auch Kinder, die nicht gestillt werden, neigen häufiger zu Übergewicht.

Kinder und Jugendliche mit Übergewicht schlafen außerdem häufig wenig und bewegen sich weniger als Gleichaltrige. Insbesondere hoher Medienkonsum in Kombination mit fehlender körperlicher Betätigung begünstigt die Gewichtszunahme. Auch das Bewegungsverhalten von Kindern wird im Verlauf von Sozialisationsprozessen erlernt und durch entsprechende Verhältnisse begünstigt (zum Beispiel fehlende Möglichkeiten, draussen zu spielen oder zu Fuß zur Schule zu gehen).

Adipositas weist wie viele andere Erkrankungen einen starken Schichtbezug auf: Kinder und Jugendliche aus sozial benachteiligten Familien haben ebenso wie Kinder mit Migrationshintergrund ein erhöhtes Risiko für Übergewicht und Adipositas.

Auch Medikamente können eine Adipositas auslösen. Am bekanntesten ist die Gewichtszunahme durch die Langzeitbehandlung mit dem Medikament Kortison, welches das so genannte Cushing-Syndrom mit den typischen Symptomen Stammfettsucht und „Vollmondgesicht” auslösen kann.

Schließlich zeigen Befunde aus der Familien- und Zwillingsforschung, dass das Körpergewicht auch mit genetischen Veranlagungen zusammenhängt.

Diagnostik

Die Diagnostik bei Adipositas im Kindes- und Jugendalter gliedert sich in eine klinische und laborchemische Diagnostik, die das Ausmaß der Adipositas bestimmt, ursächliche Primärerkrankungen ausschließt und Aufschluss über die Höhe des Gesundheitsrisikos und bestehende Komorbiditäten gibt. Hinzu kommt eine psychologische, psychosoziale und verhaltensbezogene Diagnostik, die häufig therapiebegleitend erfolgt.

Zentral für die Bestimmung des Ausmaßes der Adipositas sind Fettanteil und Fettverteilung. Da der genaue Fettanteil des Körpers nur mit aufwendigen Methoden exakt zu bestimmen ist, empfiehlt die Arbeitsgemeinschaft für Adipositas im Kindes- und Jugendalter (AGA) den Body Mass Indix (BMI) zur Beurteilung des Körpergewichts heranzuziehen. Der BMI gibt das Verhältnis zwischen Gewicht (in kg) und Körperoberfläche (in m²) wieder. Im Kindes- und Jugendalter wird jedoch der BMI entsprechend den physiologischen Änderungen der prozentualen Körperfettmasse stark von Alter und Geschlecht beeinflusst. Daher werden die individuellen BMI-Werte anhand populationsspezifischer Referenzwerte eingeschätzt. Die BMI-Kategorien werden über die alters- und geschlechtsspezifischen Perzentilen dieser Referenzdaten wie folgt definiert:

  • Übergewicht: BMI-Perzentile > 90 – 97
  • Adipositas: BMI-Perzentile > 97 – 99,5
  • Extreme Adipositas: BMI-Perzentile > 99,5

Ein wichtiger Indikator für die Höhe des Krankheitsrisikos durch Adipositas ist die Fettverteilung im Körper. Verteilt sich das Fettgewebe hauptsächlich am Körperstamm (sog. androider Typ oder „Apfeltyp“), ist das Gesundheitsrisiko deutlich höher als bei einer Fettkonzentration an Hüften und Oberschenkeln (sog. gynoider Typ oder „Birnentyp“). Zur Bestimmung des Fettverteilungstyps wird daher der Taillen- und Hüftumfang gemessen.

Bei positiver Diagnose folgt ein Risikoscreening an, um Folgeerkrankungen zu bestimmen. Hierzu gehört eine ausführliche Erhebung der Familienanamnese, vor allem bezüglich des Vorkommens von frühzeitigen kardiovaskulären Erkrankungen und Diabetes mellitus, die Erfassung der ethnischen Herkunft, die Messung des Blutdrucks, die Erfassung bekannter Zeichen einer Insulinresistenz oder Dyslipidämie. Bei pathologischen Befunden schließen sich weitere diagnostische Schritte an, die in den Leitlinien der Arbeitsgemeinschaft Adipositas im Kindes- und Jugendalter (AGA) wiedergegeben ist.

Wichtige Laborparameter zur Bestimmung von Folgeerkrankungen

  • Nüchternblutzucker, oraler Glukosetoleranztest
  • Gesamt-, HDL- und LDL-Cholesterin, Triglyceride
  • Harnsäure, Kreatinin, Elektrolyte
  • TSH, andere endokrinologische Parameter (z.B. zum Ausschluss eines Cushing-Syndroms)

Therapie

Obwohl das Krankheitsbild von Adipositas im wahrsten Sinne des Wortes augenscheinlich ist und die primären zugrundliegenden Mechanismen selbsterklärend sind (weniger Kalorien zuführen bzw. mehr Kalorien verbrauchen), sind Therapien anspruchsvoll und häufig auch von Misserfolgen begleitet. Der Fokus der Therapie liegt in der Regel auf folgenden Zielen:

  1. Langfristige Gewichtsreduktion (=Reduktion der Fettmasse) und Stabilisierung
  2. Verbesserung der Adipositas-assoziierten Komorbidität
  3. Verbesserung des aktuellen Ess- und Bewegungsverhaltens des Patienten unter Einbeziehung seiner Familie; Erlernen von Problembewältigungsstrategien und langfristiges Sicherstellen von erreichten Verhaltensänderungen
  4. Vermeiden von unerwünschten Therapieeffekten
  5. Förderung einer normalen körperlichen, psychischen und sozialen Entwicklung und Leistungsfähigkeit

Integraler Bestandteil vieler therapeutischer Ansätze ist die Adipositasschulung für die erkrankten Kinder und Jugendlichen und ihre Familien. Hier werden erstens wichtige medizinische Aspekte der Krankheit vermittelt (Entstehung von Adipositas, Gesundheitsrisiken der Folgeerkrankungen oder auch Risiken falscher oder unrealistischer Methoden der Gesichtsreduktion). Ein weiterer Bestandteil sind Ernährungswissen und –verhalten (Kenntnisse über den Nährstoffgehalt von Nahrungsmitteln, Zubereitung von Gerichten, Konsumverhalten), körperliche Aktivität (Verbesserung der Ausdauer und Kondition, Verbesserung der Köperwahrnehmung, Einübung von Bewegungsroutinen) sowie psychosoziale Themen (Stärkung des Selbstbewußtseins und der Eigenakzeptanz, Konfliktbewältigung).

In Übereinstimmung mit den Therapiezielen soll mit Hilfe der Adipositasschulung eine dauerhafte Verbesserung des Ernährungs- und Bewegungsverhaltens angestrebt werden. Um die Hauptziele zu erreichen, ist es notwendig, die Selbstwahrnehmung, -kontrolle und -wirksamkeit der Patienten zu steigern (Bedingungsziele). Durch verbesserte Fähigkeiten zur Konflikt- und Stressbewältigung und der sozialen Interaktion wird das Erreichen der Hauptziele gefördert (fördernde Ziele). Die Familie soll in die Schulung der Kinder und Jugendlichen mit einbezogen werden. So soll langfristig eine Reduktion des Übergewichtes, eine Verminderung der Komorbidität und schließlich eine Verbesserung der Lebensqualität erreicht werden (Bedingungsziele).

Quellen und weiterführende Informationen